Seine Abreise

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Viele Monate der Abgeschiedenheit in Bauerbach lagen hinter mir, doch war es weniger eine Zeit der Kreativität, als eine des Nachdenkens für mich gewesen. Hier gab es nichts, was mich antrieb, nichts was mich anspornte. Um mich in eine poetische Stimmung versetzen zu können, fehlten die Herausforderung, die Inspiration und der Gedankenaustausch. Nur durch menschliche Gesellschaft war diese zu wecken.

Meine Luise Millerin war immer noch unvollendet. Allein durch die Vorbereitungen für den Empfang Frau von Wolzogens war viel Zeit verloren gegangen. Nun, als im Raume stand, dass ich fortgehen würde, arbeitete ich verbissen an der Fertigstellung. Schon des Morgens um fünf Uhr in der Frühe saß ich über meiner Arbeit.

Auch Reinwald hatte mir dazu geraten, Bauerbach so schnell wie möglich zu verlassen, und er schlug mir vor, mit ihm zu Pfingsten nach Gotha und Weimar zu reisen. Doch wie sollte ich mich in den Kreisen der dort lebenden bedeutenden Männer fühlen? Da ich selber noch völlig unbedeutend und unreif war, hätte ich dort nur einen untergeordneten Platz einnehmen können. Aus dem Grunde sagte ich ihm ab, auch, um die Luise Millerin endlich fertig zu stellen.

Zwischenzeitlich war der Kontakt zu meinem einstigen Weggefährten Streicher nicht abgebrochen, denn er war in Mannheim geblieben und immer noch im Dienste des Hauses Stein tätig. Über die bevorstehende Beendigung meines neuen Werkes hatte er von mir Nachricht erhalten und diese zwischenzeitlich in den mir bekannten Kreisen verbreitet.

Das neue bürgerliche Trauerspiel weckte allgemeines Interesse, und auch dem Freiherrn von Dalberg war diese Neuigkeit nicht verborgen geblieben. Seit dem letzten Winter hatte dieser nicht allzu viel Freude an seinem Theater gehabt, denn keines der dort gespielten siebzehn Stücke war von Erfolg gekrönt gewesen. Sie waren offenbar zu mittelmäßig, um ein größeres Interesse zu wecken.

In ständigem Kontakt mit den Eltern stehend, hatte ich erfahren, dass der Herzog meine Stellung als Medikus bereits neu besetzt hatte. Ich schien für ihn gar nicht mehr vorhanden zu sein, wenn er mich auch einen „Undankbaren“ schalt. Der Besuch zweier deutscher Prinzen hatte zur Folge, dass diese dem Herzog von meinem erworbenen Ruhm berichteten, und dass er stolz sein müsse auf die Ehre, die ich ihm als Erzieher damit mache. Der Herzog schien meine Talente durchaus zu schätzen, war aber gerade deshalb umso mehr verbittert über meine Flucht. Da von Seiten der württembergischen Regierung anscheinend keine Anstalten zur weiteren Verfolgung meiner Person gemacht wurden, konnte der Geheimrat Dalberg, als hochgestellter Beamter, nun wieder unbeschadet mit mir in Kontakt treten.

So erkundigte er sich bei mir über den Stand meines neuen Dramas, über welches die Schauspieler schon so viel Gutes zu berichten wussten. Da ich Frau von Wolzogen einst hoch und heilig versprochen hatte, niemals wieder selbst an Dalberg heranzutreten, um ihn um eine Anstellung oder Sonstiges zu bitten, blieb ich diesem Versprechen treu. Es war mir eine innere Genugtuung, dass Dalberg nun höchstpersönlich an mich schrieb. Ich antwortete ihm so gleichgültig wie ich nur konnte, denn ich wollte nicht den Anschein erwecken, dass ich ihn nötig hätte.

„Es muss in Mannheim sicherlich etwas Schreckliches geschehen sein, dass dieser Mensch sich jetzt bei mir meldet!“, schrieb ich scherzend an Meyer. Bevor ich Dalberg einen Brief schrieb, ließ ich ihn eine Weile auf eine Antwort warten. Ich wollte von ihm wissen, ob er nach dem kürzlich misslungenen Versuch immer noch meiner dramatischen Feder vertrauen würde und sagte ihm in klaren Worten, dass ich ihm mein Werk nicht wieder auf Gedeih oder Verderb ausliefern würde. Ich wies ihn schon im Vorfeld auf die Eigenheiten des neuen Stückes hin. Sollte er es für sein Theater unbrauchbar finden, so wollte ich es lieber zurückbehalten. Dalberg schien nicht abgeschreckt, sondern setzte die Korrespondenz fort, wobei er mir nahelegte, wieder nach Mannheim zurückzukehren.

Es war Anfang Juli, und Charlotte stand im Begriff nach Hildburghausen zurückzukehren. Das klärende Gespräch mit Frau von Wolzogen immer noch im Bewusstsein und Dalbergs Anfrage vor Augen, fasste ich schließlich den Entschluss, Bauerbach in der letzten Julihälfte zu verlassen und nach Mannheim zu reisen. Da es lediglich ein kurzer Aufenthalt werden sollte, nahm ich nur wenig Gepäck mit auf die Reise.

Nachdem ich die Kutsche zur Abfahrt bestiegen hatte, wurde mir schwer ums Herz, denn ich vermisste meine Freundin schon jetzt aufs Schmerzlichste. Ich wurde nicht müde, ihr meinen desolaten Gemütszustand in zahlreichen Briefen mitzuteilen.

Wenn sie mich verdächtigt hätte, dass ich sie für immer verlassen würde, wäre dies einer Gotteslästerung gleichgekommen! Meine Stimmung war niedergedrückt, denn ich trug meine „Übermutter“ in meinem Herzen, wie ich mich selbst von der Hand Gottes getragen wünschte. Später schrieb ich ihr aus Mannheim, dass sie die erste Person gewesen sei, an der mein Herz mit reiner, unverfälschter Liebe hing. Nur der Gedanke an sie hielt mich später oftmals davon ab, mich auf leichtfertige Liebschaften einzulassen, die mir im Grunde nichts bedeuteten. Den Platz in meinem Herzen hielt sie lange Zeit besetzt, denn seitdem ich sie kannte, war die Leichtfertigkeit in Liebesdingen aus meiner Seele gewichen und hatte einer gewissen Seriosität Platz gemacht.





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Die STATIONEN
seiner ABREISE am 24. JULI 1783 VON BAUERBACH
bis zu seiner ANKUNFT am 27. Juli 1783 IN MANNHEIM
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1. STATION:

Übernachtung in WERNARZ im "GASTHOF zum WEISSEN ROSS"
vom 24.07. zum 25.07.1783
(Brief vom 25. Juli 1783 aus Wernarz)


2. STATION:

Ankunft am 25.07.1783 in Frankfurt/M.
(Brief vom 25. Juli 1783 aus Frankfurt)


3. STATION:

Ankunft am 27. Juli 1783 in Mannheim
(Brief vom 28. Juli 1783 aus Mannheim)


1. STATION:

Schillers Radbruch

Die Liebe, der Dichter und sein Schatz

Den ganzen Tag Regengüsse, und dann auch noch ein Radbruch an der Kutsche.
Friedrich Schiller muss froh gewesen sein, dass wenigstens ein Gasthof in der Nähe war.
Es war der 24. Juli 1783 und der Dichter, der auf der Reise von Bauerbach nach Mannheim war,
nächtigte im "Weißen Roß" in Wernarz.

wernarz

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"Ich werde oft von Gästen gefragt, was man denn weiß über Schillers Aufenthalt in Wernarz", sagt Hotelier Jürgen Treichel, der das Haus heute mit seiner Frau Natalie führt. Und obwohl die Quellen zum Tagesaufenthalt Schillers in Wernarz rar sind und sogar die meisten Standardwerke über das Leben des Dichters die Zwischenstation übergehen, kann Treichel doch einiges mitteilen.
"Schiller hat hier am Morgen des 25. Juli 1783 einen Brief geschrieben"<,
sagt Treichel und deutet an eine Wand der Schiller-Stube, die der 43-Jährige und frühere Hoteliers eingerichtet haben.

"Liebste zärtlichste Freundin" Gerahmt sind hier eine Kopie des Original-Briefes sowie eine Übertragung des Textes in moderne Schrift zu sehen. Den Brief hat er an seine Gastgeberin und Gönnerin in Bauerbach geschrieben. Der Dichter nennt sie in dem Brief "liebste zärtlichste Freundin" und "Theuerste", schon bald möchte er wieder bei ihr sein. Aber das, was man heute ein Verhältnis nennen würde, hatte Schiller mit Henriette nicht.Vielmehr ist davon auszugehen, dass er in Bauerbach ein Auge auf die 16-jährige Tochter von Henriette geworfen hatte: Charlotte. In dem Brief nennt er sie "unsere Lotte". Die sollte er freilich nicht zur Frau bekommen, denn Mutter Henriette wollte ihre Tochter nicht einem armen Dichter anvertrauen, der noch dazu nicht von Stand war.

Aber Schiller hatte einen anderen Schatz, den er in Wernarz dabei hatte. Es war das Manuskript des Dramas "Luise Millerin", ein Stück das man später "Kabale und Liebe" nannte, was in den damaligen Ohren einfach schmissiger klang. Der damalige Mannheimer Theater-Intendant Freiherr von Dalberg, der Schiller von der Räuber-Uraufführung (13. Januar 1782) her kannte, wollte den Dichter am Theater in Mannheim haben, was einer der Gründe für Schillers Reise von Bauerbach nach Mannheim war.

So dürfte Schiller also gut gelaunt gewesen sein am Morgen des 25. Juli 1783, zumal die Kutsche offenbar repariert war und die Regenwolken sich über Nacht verzogen hatten.



In einem Brief an Henriette von Wolzogen nach Bauerbach:
Wernerts am Morgen des 25.Jul. [Freitag] 1783.


„Eben meine Theuerste treff ich einen Mann, der in Ihre Gegend nach Jüchsen geht und mir diesen Brief an Sie zu bringen verspricht. Ich bin glüklich gereißt und schon fünfzehn Stunden näher an Frankfurt. Wir hatten gestern etliche Regengüße auszustehen, die aber nicht viel für uns zu bedeuten hatten, und nun ists das schönste Wetter. O meine Beste! wie herzlich froh bin ich, daß der Abschied überstanden ist, und wie herzlich vergnügt wäre mir die Nachricht, daß Sie ihn verschmerzt hätten. Liebste zärtlichste Freundin, der Verdacht daß ich Sie verlaßen könnte, wäre bei meiner jezigen Gemüthslage Gotteslästerung. Glauben Sie mirs, meine Theuerste, je tiefer ich die Welt kennen lerne, und je mehr ich unter Menschen gehe, desto tiefer graben Sie Sich in mein Herz, und desto theurer werden Sie mir.

Sie werden gestern einen traurigen Tag, und ohne unsere Lotte noch einen traurigeren Abend auszustehen gehabt haben, – aber der Tag und Abend meiner Wiederkunft sollen Sie gewis vollkommen dafür belonen. Jezt leben Sie wol. Kepp wird Ihnen von Frankfurt einen langen Brief bringen. Tausendmal leben Sie wol, ewig theuer dem Herzen Ihres Freundes R. Dem Mann werden Sie etwas für seine Mühe geben. Er macht einen expressen Umweeg zu Ihnen und ich habe ihm mit Fleiß keinen Lohn gegeben, damit der Brief desto gewiser überliefert wird. Noch einmal adieu.



Hotelier Treichel deutet an eine andere Wand der Schiller-Stube. Dort ist ein Konterfei des Dichters zu sehen. "Druck und Rahmen sind alt, zeitlich aber nicht einzuordnen", sagt Treichel. An den anderen Wänden sind Lampen angebracht, an deren Halterungen Ortsnamen eingraviert sind. "Marbach, Mannheim, Dresden, Weimar, Jena, Offenbach - alles Orte, die in Schillers Leben eine wichtige Rolle gespielt haben." Die Lampen sind wohl in den zwanziger oder dreißiger Jahren des 20.Jahrhunderts hergestellt worden. "Selbstverständlich kann man hier auch in den Werken Schillers lesen", sagt Treichel und deutet auf eine vierbändige ältere Schmuck-Ausgabe von Schillers Werken, die auf einem Kachelofen steht. "Eine viel ältere und teurere Ausgabe haben meine Frau und ich privat", sagt er weiter und deutet auf ein Exemplar der elfbändigen Schiller-Ausgabe, die 1839 bei Cotta verlegt worden ist.

„Germanistik-Professoren oder andere Wissenschaftler haben sich noch nicht bei Treichel blicken lassen, "aber vor allem Lehrer fragen mich immer wieder einmal nach Schiller", erzählt Treichel, "und draußen, an der Wandtafel, die an Schillers Aufenthalt hier erinnert, lassen sich öfters ganze Gruppen von Touristen fotografieren."
Auszug aus: http://www.infranken.de/regional/bad-kissingen/Die-Liebe-der-Dichter-und-sein-Schatz





2. STATION:

- Brief an Henriette von Wolzogen nach Bauerbach - war:
Frankfurt am Mayn Samstags abends den 25. Juli 1783.

"Eben komm ich hier an meine Beste, und da ich befürchte, durch lange Verzögerung und Mangel der Gelegenheit in dieser Stadt viel zu verzehren, so nehm ich kein Bedenken, gleich mit Extrapost abzugehen. Die etliche Thaler, welche ich durch diesen Aufwand mehr daran sezen mus, will ich durch die Verkürzung meines Aufenthalts zu Mannheim wieder hereinbringen, den ich freue mich ungleich mehr auf die Ankunft in B. bei Ihnen, als auf meine Tage zu Mannheim. Meine Reise ist biß hieher Troz der entsezlichen Hize, die durch den heißen Sand der Chaussee noch verstärkt war, und Troz der bösen Abwechselung von Wein, gutem und schlechtem Bier und dgl. ganz glüklich gewesen. Das nähere davon (nehmlich die Kleinigkeiten, denn wichtiges ist mir nichts begegnet) wird Ihnen der gute Kepp mit dem ich ganz zufrieden bin erzälen. Da mich gegenwärtig alles bombardiert, der Friseur, der Schwager, und andere Commissionen, so bleibe ich Ihnen meine Empfindungen und was ich sonst noch an Sie zu bestellen habe biß auf meine Ankunft in Mannheim schuldig. Solange werden Sie doch wohl glauben, daß sie inmeinem Herzen trage, wie ich mich selbst in der Hand Gottes getragen wünschte. Ich bin ganz konfus gemacht. Alle Augenblike werde ich abgerufen, weil ich mit drei Kutschern mich herumzertire, die mich extrapost führen wollen. Ich verspare also alles biß auf meinen nächsten Brief, wo ich hoffentlich ruhiger mit Ihnen mich unterhalten kann. O meine beste liebste Freundin, unter dem erschröklichen Gewühl von Menschen fällt mir unsere Hütte im Garten ein. – Wär ich schon wieder dort! Die Liebe gute Lotte grüßen Sie mir herzlich und auch die Mine. In ohngefär 6 Tagen haben Sie alle drei wieder Nachricht von mir. Dem Kepp bezahlen Sie 3 fl., daß er sie dem Wagner überbringe. Von Frankfurt hätte ich Ihnen durch unsern Kepp gern einige Kleinigkeiten geschikt, aber wir kamen erst nach 8 Uhr abends hier an, und bei Nachts ist in einer solchen Stadt wo man fremd ist nichts zu machen. Zudem mus ich mein Geld solange schonen, als ich nichts dazu sezen kann. Tausendmal adieu meine Theuerste. Ich weis noch nicht, ob ich noch diese Nacht, oder morgen früh 4 Uhr fahre. Es ist kostbar hier zu übernachten, und zudem möchte ich gern morgen in der Comödie zu Mannheim eintreffen, weil ich da eine Überraschung machen kann. Also leben Sie tausendmal wol. Ewig Ihr S.“



3. STATION:

- Brief an Henriette von Wolzogen nach Bauerbach - war:
Schillers Ankunft in Mannheim am 28. July [Montag] 83.

„Endlich bin ich in Mannheim. Matt und erschöpft kam ich gestern Abend hier an, nachdem ich Vormittags früh noch in Frankfurt gewesen. Die übergrose Geschäftigkeit und Höflichkeit meines Frankfurter Gastwirths, welche bei Leuten dieser Handthierung einem kranken Geldbeutel immer gefärlich ist, schrökte mich ab, eine wolfeile und bequeme Gelegenheit in Frankfurt abzuwarten, wo ich ohne Zweifel in 2 Tagen mehr verzehrt haben würde, als mich die Extrafuhr nach Mannheim theurer denn eine andre zu stehen gekommen ist. Von meinem Geld habe ich noch 15 Laubthaler hieher gebracht, wovon ich 5 auf die Rükreise bei Seite lege, und mit den übrigen 10 hier auskommen mus. Meier hat eine Wohnung und Kost für mich ausgemacht, welche sehr wolfeil und gut ist. Ich bezale wöchentlich für 2 Zimmer, Betten und Meubles 1 fl. und wohne neben dem Schloßplaz, welches eine vortrefliche Aussicht hat. Für Mittag und Abendeßen, troknen Tisch, gebe ich 24 kr. Der Krug Bier kostet mich 6 kr. Das Frühstük gebe ich auf, also kommt mich Kost und Logis wöchentlich auf 2 Konvenzionsthaler. Perükenmacher, Postgeld, Wäsche und Tobak machen einen eigenen Artikel. Über 3 Wochen kann ich also schwerlich bleiben. So stehen meine Finanzen. Nun meine Beste werden Sie wißen wollen, wie ich die Sachen bei meiner Ankunft gefunden. – Nicht gar zum Besten. Dalberg ist von einer Reise nach Holland noch nicht zurük, wird aber erwartet. Ifland ist nach Hannover, soll aber in etlichen Tagen auch wieder ankommen. Also bin ich einige Zeit wenigstens ganz ohne Nuzen hier. Meinen Freunden habe ich durch meine Ankunft viele Freude gemacht, ihnen aber sehr klar merken laßen, dass ich nichts als mein Vergnügen bei meinem hiesigen Aufenthalt zur Absicht habe. Bis also Dalberg zurük ist kann ich Ihnen nicht das geringste von meinen Aussichten sagen. Und ich werde sie schwerlich benuzen meine Theuerste, wenn sie mir auch in die Hände liefen, sobald mein Aufenthalt bei Ihnen im geringsten durch litte. Gestehen mus ich Ihnen, daß alles was mir hier vorkommt und noch vorkommen kann bei der Vergleichung mit unserm stillen glüklichen Leben entsezlich verliert. Sie haben mich einmal verwöhnt – verdorben solte ich sagen, dass ich den lebhaftesten Eindrüken der gröseren Welt beinahe verschloßen bin. Wenn ich es möglich machen kann, dass ich ohne einen Schritt in die Welt zu thun, 400 fl. järlich ziehe, so begrabt man mich noch in Bauerbach. So leer und verdächtig ist mir alles, seit ich von Ihnen bin, und so wenig Geschmak kann ich einer Lebensart abgewinnen, die Sie nicht mit mir genießen. Wie froh will ich seyn, wenn ich mit einigen guten Aussichten und Geld in der Tasche die Rükreise wieder antreten kann, und wie sehr wird meine Glükseligkeit bei Ihnen durch diesen Ausflug gewonnen haben! Aber wie bringen Sie jezt Ihre Tage zu, theure Freundin? Traurig, fürcht ich, und wünsche es gewisermaßen doch, denn es ist etwas tröstendes und süßes in der Vorstellung, daß 2 getrennte Freunde ohne einander nicht lustig sind. O es soll mich spornen bald bald wieder bei Ihnen zu seyn, und unterdeßen will ich bei meinen grösten Zerstreuungen an Sie meine Werteste denken, ich will mich oft aus dem Zirkel der Gesellschaften losreißen und auf meinem Zimmer schwermütig nach Ihnen mich hinträumen, und weinen. Bleiben Sie, meine liebe, bleiben Sie was Sie mir bisher gewesen sind, meine erste und theuerste Freundin, und laßen Sie uns ohne Zeugen ein Beispiel unverfälschter Freundschaft seyn. Wir wollen uns beide beßer und edler machen, wir wollen durch wechselseitigen Antheil und den zärtesten Bund schöner Empfindungen die Glükseligkeit dieses Lebens erschöpfen, und am Ende stolz auf dieses untadelhafte Bündnis seyn. Nehmen Sie keinen Freund mehr in Ihrem Herzen auf. Das Meinige bleibt Ihnen bis in den Tod, und wo möglich noch über diesen hinaus. Heute werde ich auch meinen Eltern, ihrem Wilhelm und der Frikin nach Stuttgardt schreiben. – Grüßen Sie mir unsere liebe Lotte, welcher ich das nächstemal schreiben will, und wenn Sie der Tante schreiben, so sagen Sie ihr daß ich oft an Sie denke, und sie recht sehr lieb habe. Alle die Ihrigen, meine Beste, sind so gut und bleiben mir ewig werth. Vielleicht, dass ich auch Ihrem guten Bruder von hier aus einige Linien schreibe. Schreiben Sie mir doch mit dem bäldisten wie Sie leben, und ob sie mich noch lieben. Zwar das hoff ich gewis. Schreiben Sie mir Ihre ganze Lebensart von Morgen bis in die Nacht, und was Ihnen neues begegnet – auf diese Art überzeug ich mich doch, daß Sie auch mich in dem Herzen tragen, wie ich Sie in dem meinigen. Mein Papier neigt zum Ende. Ich mus also kurz seyn. Es ist ein Paquet von Berlin an mich auf dem Weeg, das gegenwärtig in Meinungen angelangt seyn mus. Laßen Sie nachfragen. Rheinwald sagen Sie, daß Schwan weder Brief noch Dukaten bekommen, daß er also auf der Post Nachfrage thun soll. Ihre Briefe addressieren Sie an Madame Hammelmann im Hubertshaus zu Mannheim. Das ist das Haus wo ich logiere. Noch einmal. Schreiben Sie mir bald, und die liebe gute Lotte küßen Sie in meinem Namen (wenns erlaubt ist). Kepp wird schon seit Dienstag abends zurük seyn und Ihnen das Uebrige mündlich gesagt haben. Frid."



„Am 27. Juli 1783 kam ich erschöpft von meiner Reise in Mannheim an und wurde bereits von Herrn und Frau Meyer erwartet. Ich freute mich, sie wieder zu sehen, denn acht Monate waren mittlerweile seit unserem letzten Treffen vergangen. Meinem Freund Streicher hatte ich nichts über meine Anreise verraten, denn ich wollte ihn überraschen. Wie gewöhnlich, traf er zur bestimmten Stunde bei Meyer ein und traute natürlich seinen Augen kaum, als ich ihm mit heiterem Gesicht und erholtem Aussehen entgegentrat. So viele verschiedene Bilder stürzten auf mich ein, dass sie wie ein Sturm über mich hinwegzufegen schienen. Wie wehmütig dachte ich an die Ruhe in Bauerbach zurück und wünschte mir die Stille des Landlebens herbei. Meine Empfindungen (siehe Brief oben: Mannheim am 28. July (montag) 83) teilte ich sogleich Frau von Wolzogen mit und träumte mich weit fort von dem hiesigen Menschengewühl. Sehnsuchtsvoll trieben meine Gedanken in unsere Hütte im Garten – wäre ich doch nur schon wieder dort! Am Liebsten hätte ich mich im Moment von jeder Gesellschaft abgewandt, denn Schwermut umklammerte mein Herz.“



Kurz nach seiner Ankunft erkrankt Schiller schwer und für ihn beginnt eine Zeit voller Sorgen über die Bestreitung seines Lebensunterhaltes in Mannheim.



Er schreibt an seine „Gönnerin Henriette von Wolzogen“, dass „seine Bauerbacher Zeit wohl eine der glücklichsten seines Lebens gewesen, die nie wieder kommen wird.“

Auszüge aus: Friedrich Schiller Archiv; Briefe an Henriette von Wolzogen

Schiller Biografie; Bühnendichter; G. Seidel

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